Seemannsgarn

Diese Story hat mir mal irgendjemand erzählt, und ich versuche, mich daran zu erinnern, wer es war. Sie ist aber zu lustig, um sie nicht weiterzuerzählen. Da ich im Netz nichts dazu gefunden habe, kann ich auch nicht sagen ob sie sich tatsächlich so zugetragen hat.

Alexanderplatz Berlin.

The German Terrorismusangst flaut langsam ab, und so muss eine Charmeoffensive her.

Es soll also gezeigt werden, was die entsprechenden Sicherheitskräfte machen, sollte mal wirklich ein herrenloses Gepäckstück mit Sprengstoff gefunden werden.

Man stellt also einen 'herrenlosen' Koffer auf und erzählt eindrucksvoll, wie der jetzt vor Ort kontrolliert gesprengt wird.

Absprerrungen werden aufgestellt. Das neugierige Publikum wird verbal durch die weiteren Maßnahmen begleitet.

Der Countdown zur kontrollierten Sprengung läuft an: "Zehn, … neun, acht, sieben, sechs, fünf, vier,

drei,

zwei,

eins,

" _DIE_ _KATZENBABYS_!!!!1!!!!11!!! " schallt es aus der Menge.

*BUMM*

Die Anzahl, der Menschen, die jetzt noch nach vorne guckt, ist begrenzt.

Da hat wohl einer sein Beliebtheitskarma auf "unterirdisch" angesetzt.

Ihr habt doch sicherlich von diesem Steuerskandal gehört, wo Großkonzerne Briefkastenfirmen in Luxemburg unterhalten, und deshalb so gut wie keine Steuern zahlen.

Jetzt hör ich immer wieder die Argumentation, dass diese Konzerne ja so handeln müssen, weil sie so mehr Geld haben, um Arbeitsplätze zu schaffen.

TUN SIE ABER NICHT!

Die Angestellten bekommen nicht mal mehr Geld, um für die ganzen Investitionen in Infrastruktur und Sozialleistungen selber zu zahlen, was mit den Steuereinnahmen sonst staatliche Stellen tun könnten.

Deshalb ist Steuerbetrug böse, und nicht nur beim Endverbraucher.

Ich habe mal ein Buch über die Geschichte des Satans in den historischen Religionen gelesen. Ein Kapitel habe ich noch gut in Erinnerung. Es beschreibt, wie sehr Religionen von ihrer Umgebung geprägt wurden. Wüstengegenden haben mehr Monotheistische Religionen erzeugt (dort ist auch nichts), und eine einzige übermächtige Macht wurde dort schnell konstruiert.

Währenddessen haben bewaldete, vielfältige Landschaften häufig Religionen mit einer Vielzahl von Göttern, Feen, Waldgeistern gefördert.

Aber wie sieht unsere Umgebung heute aus? Eine technisierte Welt, ohne jeglichen Bezug zur realen Umwelt. Fragen kann ich schnell meinem Rechner stellen. Die Antwort, die ich dort aus diversen Quellen herausziehe, kann ich übernehmen und weiter verbreiten.

Ich beobachte immer häufiger, dass sekundäres Wissen - das heißt Wissen, das nicht auf meiner eigenen Erfahrung beruht, eigene Erfahrungen verdrängt. Wie unreflektiert kann ich mir die fremden Positionen aneignen? Wie sehr kann mich eine kommerzielle Software beeinflussen?

Google spuckt individualisierte Suchergebnisse aus, die nach automatischen Berechnungen automatisch meinen Präferenzen entsprechen sollten.

Ich kann mich allerdings noch an die Zeit vor Google als Weltmacht erinnern. Da habe ich teilweise viel Zeit damit verbracht, Links in Suchmaschinen zu sichten, die in diversen Sprachen erstellt waren, für mich überraschende Informationen enthielten.

Mittlerweile spielt iTunes eher Musik, die meinen Vorlieben entsprechen könnte (manchmal habe ich das Gefühl, auch lieber Musik, die in iTunes gekauft werden kann), Google schickt mir die Links in meiner Sprache und meiner Filterbubble entsprechend. Mir wird weder in die Facebookstartseite, noch sonstwo Politik hereingespült, die ich ablehne.

Aber wann ist es soweit, dass diese Automatismen auch die praktische Welt beeinflussen. Wenn die Polizei oder andere Ermittlungsbehörden auf Berechnungen zugreifen, die eher zum Erfolg führen. Dann haben die Menschen, die die Programme schreiben, mehr Möglichkeiten auf Ergebnisse Einfluss zu nehmen, als die ermittelnden Beamten.

Sind die Filtervoraussetzungen für die Auswertung so gesetzt, dass sie neutral zu Ergebnissen (welchen auch immer) führen können, oder sind diese mit Vorurteilen durchsetzt? Wenn bei sonst gleichen Voraussetzungen ein gewisses Merkmal wie Hautfarbe, Tattoos, bestimmte Musikvorlieben und vieles mehr verstärkt herausgepickt werden, fängt eine automatische Auswertung von massenhaft gesammelten Daten gefährlich. Denn sie prägt das Bild dieser Leute in der Öffentlichkeit. Wird eine bestimmte Gruppe weniger überprüft, als eine andere, wird in der überprüften Gruppe auch mehr gefunden.

Bei den ITlern wird häufig die Formulierung "Magie" benutzt, um Vorgänge zu beschreiben, die nicht computerversierte Menschen nicht verstehen. Die Letztere mit Ehrfurcht betrachten, und sich oft nicht mehr trauen, in Frage zu stellen.

Dann sind Ergebnisse aus automatischen Auswertungen bequem wie Fastfood. Und genauso ungesund. Die Menschen wissen, dass sie das besser nicht nutzen sollten, tun es aber trotzdem, weil es Zeit spart. Sobald Convenience-Systeme etabliert sind, ist die Zeit für andere Dinge reserviert, so dass ein Absprung davon einen noch extremeren Aufwand bedeutet. Die Mechanismen, die diese Daten erheben, müssen automatisiert werden. Mehr Kameras, mehr Software, die die Datenberge auswertet, mehr Personaldaten, Gesundheitsdaten, Bewegungsdaten ...

Ich will, dass sich mehr Menschen mit den Dingen beschäftigen und Wissen erlangen. Ich möchte nicht, dass die ersten erst dann aufwachen, wenn wir eine neue Religion der totalen Überwachung etabliert haben.

Vor ein paar Jahren war ich ja noch nicht mit diesem Politkkrams eingebunden, und habe jede freie Minute auf dem Meer verbracht.

2006 hat es mich auf die Alexander von Humboldt I verschlagen, und einige Jahre habe ich dort jeden Urlaub verbracht. Sei es auf einem Törn (bevorzugt Nordsee), oder auf der Freiwilligenwerft in Bremerhaven.

Irgendwo vor Malaga
Irgendwo vor Malaga

Nun, es war ein Törn von der Niederländischen Küste an das obere Ende der Britischen Insel Ende Herbst, der Wind war kräftig, ohne dabei stürmisch zu sein. Die Taubenhalter ließen ihre Vögel fliegen. Für Tauben ist der Weg über das Meer ein sehr langer, und Schiffe werden als willkommene Möglichkeit gesehen, eine Pause vor dem Weiterflug einzulegen.

Nun haben Vögel eine recht gute Verdauung und für die Segel ist der hochätzende Auslass einer Taube ein Garant für Löcher und Risse. Deshalb werden Tauben normalerweise schnell verscheucht.

Außer dieses eine Mal. "Wir haben eine Taube". OK, es würde die schon jemand wegscheuchen. Und dann kam der Kapitän in die Messe. Holte 2 Schälchen und verschwand wieder. Ehm?

Wenig später hatte die Taube hinten am Kartenhaus ein Schälchen mit Wasser und eines mit Haferflocken stehen.

Die Anwesenden sahen ein wenig skeptisch drein, und rechneten sich schlechte Chancen aus, dass die Taube bei Angebot freier Verpflegung freiwillig wieder abflog.

Wenig später saßen wir wieder nach dem Essen in der Messe und diskutierten, dass man - wo der Kapitän das nun offenbar beschlossen hatte, dass die Taube blieb - dem Tier doch einen Namen geben müsste.

"Was ist denn der dümmste Frauenname, der euch einfällt?"  "Uschi". So wurde die Taube auf "Uschi" getauft.

Uschi ging es offenbar recht gut. Und Uschi fühlte sich in ihrer windgeschützten Nische recht wohl. Und fraß eine Menge.

Die Nordsee ist rau, die Wetterlage auf dem Meer ändert sich schnell. Auf der Nordsee gibt es einige Verkehrstrennungsgebiete. Das sind sozusagen die Autobahnen auf dem Meer. Eine Linie geht in die eine, die andere Spur in die Gegenrichtung. Deshalb muss die Maschine auch auf einem Großsegler in solchen Ecken immer auf Standby sein, und die Maschinisten müssen schnell reagieren können, den Schiffsdiesel auf Volllast hochzujagen.

Irgendwann gab es ein paar Probleme im Maschinenraum. Ein Maschinist hetzte den Niedergang hoch, mit einem flotten Schritt aus dem Kartenhaus heraus, um den Kapitän zu informieren, der Achtern in der Nähe des Ruders stand.

Uschi hatte weiter gut gefressen und gut verdaut; unser Maschinist trat in die Hinterlassenschaften und zog dank seines Schwungs seinen Hintern über das Deck und beseitigte so auch den Rest von Uschis Spuren mit seiner Hose.

Davon bekamen wir ausser einem *fump* nicht so viel mit. Und Geräusche gibt es auf einem Schiff mit 60 Mann Besatzung schon so einige.

Ich saß also unten in der Hamstertasche bei den Rauchern, wärend hinter mir etwas in spitzem Winkel in die Nordsee zog. Das Mädel mir gegenüber sprang entsetzt auf "Die Taube!!!!"

Bei der Panik im Blick versuchte ich erstmal zu deeskalieren. "Keine Sorge - die kann schwimmen". Ich wollte damit nur panikartiges Herumrennen verhindern und machte mich schon mal auf wüste Beschimpfungen gefasst.

Gefasst war ich auf Einiges, aber nicht auf das "dann ist ja gut" und sie setzt sich wieder hin.

Ich gehe  ja nicht zum Lachen in den Keller, aber diesmal musste ich doch rein, weil ich die Reaktion schon zum Schießen fand.

Wir fanden also heraus, dass Uschi wohl versehentlich gegen einen Tampennagel gelaufen ist, und deswegen den Halt an Deck verloren hat. Dies wurde uns vom Maschinisten glaubwürdig bestätigt.

Der Kapitän war ein wenig verstimmt. Der Rest der Mannschaft versuchte mit den immer unruhiger werdendem Meer fertig zu werden, und das Frühstück einzunehmen. Ich hatte aus der Trockenlast (dem Vorratslager für nicht zu kühlende Lebensmittel) ein paar Dosen "sieht aus wie Leberwurst mit spanischer Beschriftung" geholt. Die, die es noch schafften trotz Seekrankheit zu essen, versuchten sich ein paar Bissen hereinzuwürgen. Wenn man Seekrank ist und nichts isst, wird es immer schlimmer. Jemand in meiner Back fragte "Was ist das eigentlich? Pastete?"

Ich drehte und wendete die Dose und fand neben der spanischen Beschriftung die kleine Abbildung einer Taube. Diese drehte ich zum Fragenden und sagte "Das ist Uschi"

Eine Sekunde saß ich alleine in meiner Back. Der Rest war im Rekordtemo raus und an die Reeling gesprochen. Der Kapitän, der schräg gegenüber saß, sprach anschließend noch ein paar Worte zu mir. Irgendwas mit 'respektlos'

Oups

Fotos I

Fotos II

 

 

1 Comment

... haben meine Eltern geglaubt, ich würde an das Christkind glauben. Dabei wusste ich immer dass meine Eltern heimlich mit dem Glöckchen bimmelten, nachdem sie die bis dahin sorgsam versteckten Geschenke unter den Weihnachtsbaum gelegt hatten.

... war ich bitter enttäuscht, dass Milliardäre nicht den ganzen Tag in Goldmünzen schwimmen und tauchen wie Dagobert Duck. Bis dahin wollte ich immer Milliardär werden, wenn ich groß bin. Ich glaube, in erster Linie habe ich mich über die erschreckten Gesichter meiner Eltern gefreut. Wie kommt die Kleine nur auf so etwas? Als mein Vater mir erklärte, dass echte Milliardäre das Geld in Aktien oder Bankkonten besäßen, war der Reiz viel Geld zu besitzen für mich verflogen.

... dachte ich Hochspannungsleitungen hießen so, weil sie an den Masten hoch in der Luft hingen.

... mochte ich Heino. Da war ich allerdings sehr sehr klein, und konnte gerade erst sprechen (Manchmal bedaure ich das Erwachsenwerden nicht).

... besaß ich ein imaginäres tragbares Wildschwein. Das Wildschwein passte quer nicht durch Bustüren. Es war ein Drama, mich in einen Bus zu bekommen.

Jetzt wo ich groß bin, bewundere ich die grenzenlose Geduld meiner Eltern.

 

Eigentlich wollte ich mir den Podcast der WDR2 Arena über die Verfehlungen des ADAC (massiv geschönte Umfragewerte) aus informativen Zwecken anhören. Leider gleiten da 2 Teilnehmer in Sandkastendiskussionsverhalten ab. Wilde Zwischenrufe unterbrochen von hysterisch wiederholtem "Lassen Sie mich ausreden!!1!11"

Diese Aussage bringt mich ja immer zum Schmunzeln. Mal abgesehen davon, dass die Gesprächskultur in dem Moment sowieso schon auf ein unteres Niveau abgeglitten ist. Jedes Mal wenn ich ein Kind "nur zuende spielen" oder einen Sprecher "lassen Sie mich ausreden" sagen höre, frage ich mich: Wie lange wollen die denn dann reden?

Weihnachten - ein Fest bei dem die Familie zusammenkommt und an dem politische Welten aufeinanderprallen. Und wieder einmal haben mich die Feiertage zum Nachdenken angeregt. Aber vielleicht auf unerwartete Art und Weise.

Ich muss sagen: Ich hatte Glück. Das Glück, dass ich die Chance hatte, aus meiner eigenen Filterbubble auszubrechen. Als Kind wird diese Menschenteilmenge von den Eltern ausgesucht. Es gibt die Familie, und den Freundeskreis der Eltern. Mit ein wenig Glück gibt es noch eine heterogene Nachbarschaft. Diese wird aber auch immer seltener, da die Städte sich immer mehr und mehr getthoisieren. Es gibt die Reihenhaussiedlungen, die schmuddeligen Vororte, die Reichenviertel. Und kaum einer kommt mal aus den paar Straßenzügen seiner Umgebung hinaus.

Und dann gab es da die Anderen. Zuerst lehrte mich das Fernsehen, dass es eine andere Welt da draußen gab. alte Menschen mit komischen Frisuren, seltsamen Brillen und verstaubten Anzügen diskutierten hinter der Mattscheibe über Themen, die ich oft nicht verstand, informierten hinter Schreibtischen in den Nachrichten und anderen Sendungen über andere Menschen, die sich stritten, die Bomben aufeinander warfen, die mit komischen Hüten von hohen Kanzeln predigten. Mir wurde der Papst gezeigt, der immer Recht hätte. Dann erzählte mir der Pfarrer, dass das nur auf Gott zuträfe. Und ich wunderte mich.

Ich wurde vor gefährlichen Menschen gewarnt. Es war die Zeit der RAF. An jeder Polizeiwache hing ein Poster mit schlecht fotografierten Gesichtern von Menschen, vor denen wir alle Angst haben müssten. Ich fragte mich damals, warum nicht einfach bessere Bilder gemacht wurden. Dann hätte man die Terroristen doch viel besser erkennen können.

Wir hatten damals kein Auto. Die Urlaube im Harz sowie an Nord- und Ostsee waren damals für mich Weltreisen. Es gab keinen Unterschied für mich, ob ich in einen Freizeitpark oder in einen Wald fuhr. Beides erschien mir wie eine künstlich, nur zu Unterhaltungszwecken geschaffene Welt. Diese Welt war nicht die Meine. Sie schien einfach nicht real zu sein.

Ich lernte die Grenzen meiner Welt. Die Grenzen waren sehr eng gezogen. Ab und an zogen ein paar flüchtige Eindrücke an mir vorbei, dass es Fluchtwege aus dieser Realität gab. Ich hörte von Schüleraustausch. Von AuPairs, vom Ausland, von anderen Städten. Und erntete Unverständnis, ,dass mich die Außenwelt anzog. Was will ich im Ausland? Ich habe doch meine Umgebung. Mit Menschen, die ich kenne, die mich nicht überraschen. Die keine Fremde Sprache sprechen. Eben nicht "Die".

Dann hatte ich es irgendwann geschafft. Als Teenager durfte ich endlich zu einer Gastfamilie nach England. Ich war das erste Mal allein außerhalb meiner gewohnten Umgebung, außerhalb der gewohnten Menschen. Dort merkte ich doch, dass es - so froh ich doch über die neuen Eindrücke war - erst einmal eines Zurechtfindens bedurfte. Diese Welt war so echt wie mein Zuhause, aber doch war vieles anders.

Einige Jahre später rauschte ich mitten in eine andere Filterbubble. Ich sah in einem Geschäft ein Einrad. Und kaufte es. Ich fand eine Gruppe, die sich zum Einradfahren, Jonglieren und einfach so in einem Park traf. Dort konnte man sich auf der Wiese niederlassen, Bier und Cola im angrenzenden Pub kaufen, und einfach die Sommerabende draußen verbringen. Es war eine unbeschwerte Zeit, in der ich gerade meine Banklehre anfing, wie meine alte Filterbubble es von mir erwartete. Dort wurde ich auch gewarnt: vor "denen". "Die" das waren komische Menschen, die es zu nichts brachten. Die Kunst und das freie Leben bevorzugten. Die teilweise keine ordentlichen Jobs hatten. Die auch auf Universitäten gingen, anstatt sich nach der Schule dem Ernst des Lebens stellten, und so für ihr eigenes Einkommen sorgten. "Die" waren Menschen, mit denen ich mich nicht abgeben sollte, die komische Ideen in meinen Kopf setzen könnten, mich von meinem geradlinigen Weg abbringen würden. "Die" würden in einer anderen Welt leben, in die ich nicht hineingehörte. "Die" würden komische Zigaretten rauchen, und unordentliche Musik hören.

Nun machte ich weiter meine Lehre, versuchte, nicht zu offensiv zu träumen, und traf mich fast jeden Abend mit "denen" im Park.

Eine ganze Zeit lief es gut. Der Park war weit weg. Bis ich irgendwann mal noch schnell zum Supermarkt musste. Mit dem Einrad ging es schneller. Am nächsten Morgen wurde ich direkt angesprochen. Ich wurde beim Einradfahren in der Öffentlichkeit gesehen. Die Missbilligung entging mir auch nicht.

Diese Missbilligung fiel mir noch so oft danach auf. Ich war es gewohnt, einen Teil meines Lebens in einer anderen Welt zuzubringen. Eine Welt, die ihre eigenen Gedanken entwickelte, die ihre eigenen Grenzen zog. Ich verlor mein Verständnis, dass Andere diese Welten als Bedrohung empfanden. Die Logik, dass je mehr Menschen die eigenen Regeln akzeptieren, desto einfacher es für mich wäre, diese Welt zu verstehen, und nie verlassen zu müssen, wirkte so bestechend einfach wie falsch.

Aber nun verstand ich erst einmal, wie unwirklich diese anderen Realitäten auf Menschen wirkten, die ihre eigene noch nie verlassen hatten. Ich verstand die Energie, die Menschen darauf aufwandten, ihre Welt zu schützen, einzuzäunen, zu verteidigen. Das Bedürfnis, die Macht über Andere aufzubauen, dass Niemand jemals die Macht besäße, die um uns herum gezogenen Mauern einzureißen.

Es gibt hiervon ein Extrem. Es gibt Menschen, die nicht mehr in der Lage sind, ihr eigenes Haus, ihre Wohnung zu verlassen, weil die Umgebung ihnen fremd und feindlich erscheint. Menschen, die die Grenzen ihrer eigenen Welt so eng gezogen haben, dass das Gefängnis, das sie sich selbst erschaffen haben offensichtlich wird.

Und das wünsche ich mir für das kommende Jahr und für die ganze Zeit danach: Ich will die Grenzen der Welt, in der ich zu Hause bin weiter vergrößern. Ich will mir neue Orte schaffen, an denen ich mich wohl fühle, an denen ich mich auskenne; an denen ich auf interessante Menschen treffe, von denen ich lernen kann. Und ich wünsche mir Menschen, die dort mit mir mit offenen Augen hingehen. Ich will keine Angst vor "Denen" haben müssen, die doch eigentlich "Wir" sind.

 

Das kann ich nicht unkommentiert lassen. Vor einiger Zeit stolperte ich über folgendes Whiskytasting - *klick*

Eine Zeitlang verbrachte ich fast jeden Urlaub auf der Alexander von Humboldt I - ein über 100 Jahre alter 3Master, Rahsegler. 60 Mann Besatzung und üblicherweise gingen die Törns über 1 - 2 Wochen, Tag und Nacht im 3-Wachen-System gesegelt.

Mit diesem Hintergrund will ich das Tasting mal bedenken.

1. Tasting: "Würzig" Ja ok. Dann kommt "maritimer Atem". Hmm. Nun ja, zur jeweils 4 Stunden dauernden Wache mit 8 Stunden Pause wurde man in seiner Koje geweckt und jemand flüsterte einem Uhrzeit, Wetter und Zeit bis zum Wachwechsel zu. Da war schon mal Mundgeruch dabei. "Teeröl" Ja, Labsal, damit wurde (eine Mischung aus oft Leinöl, Lebertran, Holzteer und anderen Zutaten) das Tauwerk behandelt, damit es Salzwasser- und Wetterfest wurde. Jeder Bootsmann hatte seine eigene Mischung, und ihr könnt euch vorstellen, wie nach einer Woche an Bord Hände, Haare, Kleidung und überhaut ALLES riecht.
"Trocknendes Seegras" ist ein auf dem Meer auch nicht unüblicher Geruch, und "Kokusnuss... Saurer Apfel. Vanille bricht nach einer Weile durch. Gaumen: rauchig. Süße Fruchtnoten" spricht wieder von dem Mundgeruch beim Wecken, schlecht geputzten Zähnen und der letzten Mahlzeit mit einer Zigarette danach.

Kommen wir also zu Tasting 2: Warscheinlich nach ein paar Tagen an Bord wird man also wieder von diesem Typen geweckt: "phenolisch, teeriges Seil. Muscheln, Salami" Ok mit Labsaal (siehe oben) getränktes Bändsel bezeichnet man als Hüsing. Wird überall zum Einwickeln, Festbändseln etc. verwendet. Riecht intensivst halt nach den oben genannten Indigrenzien (Teer, Lebertran, sonstwas). Diesmal gab es also Muscheln zu Mittag, nach der Wache wohl noch ein Knoblauch-Salamibrot. Lecker. "Mit Kräutern, Seegras, zereale Noten." Leute ich sag doch, der Matrose hat doch noch vorher über der Reeling gehangen, weil ihm nicht mehr gut war. Jetzt kommt es: "Kohleneimer" Er hat es also nicht mal mehr zur Reeling geschafft. Aber die Hände waschen, hätte er vorher doch können, ne? "Gaumen: explodierende Rauchigkeit ausbalanciert von einem seidigen weichen mittleren Gaumen" Ja, dass er sich das alles hat noch mal durch den Kopf gehen lassen, wissen wir ja nun bereits.

"Küstenaromen, Fischöl, etwas Ingwer, Lavendel. Rußig. Große Balance. Finish: Rauch und Ingwer."

Okey, Fischöl, ja das war der Lebertran von der Arbeit im Rigg. Ingwer wird auf See gerne als Hausmittel gegen Seekrankheit eingesetzt. Geholfen hat es wohl nicht. Lavendel - vielleicht ein wenig Aftershave benutzt? Und dann schon wieder eine auf das ganze Elend geraucht. Leute, DARAUF bräuchte ich dann auch einen Whisky!