Aus der Perspektive des Fahrers

Das Bild stammt von einer meiner Touren, die ich mit meinem Faltrad, der Straßenbahn, S-Bahn und zu Fuß zurücklegte. Außerdem fuhr ich schon einen Smart, mehrere 7,5tonner, von Sprinter bis Kipper mit Anhänger über Klein-LKW, stand am Ruder eines 63m langen Tallships und auf dem Beifahrersitz eines Schwerlasttransporters (nur auf dem Hof - ja, so ein dicker von Faun) gesessen. Als ich noch jung (theatralischer Augenaufschlag) war, besaß ich sogar ein Einrad.

Was mich an dieser Vielfalt fasziniert, ist die Tatsache, dass ich oft Situationen beschrieben bekam, die ich aber erst richtig nachvollziehen konnte, als ich dieses Gefährt tatsächlich selber fuhr. Und dass ich mich aktiv daran erinnern muss, sobald ich die Perspektive wechsele.

Vor Jahren musste ich mal einen LKW zur Autobahn lotsen. Das Navi des Fahrers suchte sich ausgerechnet unseren Hof aus, um sein Leben auszuhauchen. Geladen waren Mercedes Sprinter mit Hochdach und Aufdachklima. Schon mal einen kleineren LKW gefahren, wusste ich noch, wie ich geflucht hab, als ich erkannte, wieviele Wege plötzlich für mich zu "ist nicht" wurden. Und mit dem hoch beladenen Truck im Rückspiegel traktierte ich mein Hirn, wo ich noch eine Brücke/Unterführung hätte vergessen haben können. 

Ich weiß, wie groß der Tote Winkel beim LKW ist, so dass ich mit dem Rad nicht mehr sorglos rechts daran vorbei fahre. Nichtsdestotrotz habe ich auf dem Rad wieder eine ganz andere Sicht, und mein Hirn stellt sich auf andere Dinge ein, als wenn ich mit dem Auto fahre. 

Nun hatten viele nicht das Glück oder das Bedürfnis, so viel verschiedenes an Gefährten auszuprobieren. So ist es eine Mischung zwischen Unvermögen, mangelnder Erfahrung und Ignoranz, die Reaktionen oder Beweggründe der anderen Verkehrsteilnehmer abzuschätzen. 

Dass Radfahrer sich jedesmal in Gedanken als Mischung aus einer Gallionsfigur und Fliegenresten auf einer Frontscheibe sehen, wenn von hinten die sanfte Druckwelle des knapp vorbeifahrenden Autos leise signalisiert, dass der Rettungssprung in den Graben oder auf den parkenden SUV zeitlich nicht mehr geglückt wäre. Dass ich mich jedesmal an der Landstraße in einem Akt des Nervenkitzels vorsichtig aus der Seitenstraße schiebe, wohl wissend, dass diese radelnden Ganzkörperkondome, die ob der Geschwindigkeitssteigerung oder dem besseren Blick auf das durch den harten Rennsattel gestählten Gemächts mit tief gesenktem Kopf (haben ja einen Helm) die 80 km/h Marke zu knacken gedenken (da ist Geschwindigkeitsbegrenzung 50), die Vorbeifahrt an der Motorhaube meines VW Ups nur knapp schaffen. Dass es für eben jene Radler schwer ist, ihre sportlichen Fähigkeiten im städtischen Ruhrgebiet voll auszureizen. Dass der Rentner im E-Scooter auch irgendwann mal den Radweg kreuzen muss, weil nur dort die Bordsteinabsenkung breit genug ist, und dass der LKW mit dem frischen Obst dazwischen irgendwie den Nachschub im Supermarkt in der Fußgängerzone gewährleisten muss. Das sind Aspekte, über die wir nachdenken sollten, sie bewerten sollten, und auch mal bei der Politik für die beste Ausgestaltung des gemeinsamen Raumes anklopfen sollten. Damit für Jeden, mit was für einem Gefährt oder für Füßen auch immer unterwegs, die Welt (also der kleine Ausschnitt, der für uns davon relevant ist) ein wenig einfacher ist. Und dabei wieder ein wenig Gelassenheit zu entdecken. Kauft euch mehr Lieblingsmusik fürs Auto, den bequemeren Sattel fürs Rad. Guckt euch die hübschen Modelle der vorbeifahrenden Autos an, oder gebt interne Noten für die mehr oder weniger wohlgeformten Rückseiten der Radfahrer, die ihr einen Moment später und dafür mit ausreichendem Abstand überholt. Geht doch. Oder?

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