Macht Angst

Weihnachten - ein Fest bei dem die Familie zusammenkommt und an dem politische Welten aufeinanderprallen. Und wieder einmal haben mich die Feiertage zum Nachdenken angeregt. Aber vielleicht auf unerwartete Art und Weise.

Ich muss sagen: Ich hatte Glück. Das Glück, dass ich die Chance hatte, aus meiner eigenen Filterbubble auszubrechen. Als Kind wird diese Menschenteilmenge von den Eltern ausgesucht. Es gibt die Familie, und den Freundeskreis der Eltern. Mit ein wenig Glück gibt es noch eine heterogene Nachbarschaft. Diese wird aber auch immer seltener, da die Städte sich immer mehr und mehr getthoisieren. Es gibt die Reihenhaussiedlungen, die schmuddeligen Vororte, die Reichenviertel. Und kaum einer kommt mal aus den paar Straßenzügen seiner Umgebung hinaus.

Und dann gab es da die Anderen. Zuerst lehrte mich das Fernsehen, dass es eine andere Welt da draußen gab. alte Menschen mit komischen Frisuren, seltsamen Brillen und verstaubten Anzügen diskutierten hinter der Mattscheibe über Themen, die ich oft nicht verstand, informierten hinter Schreibtischen in den Nachrichten und anderen Sendungen über andere Menschen, die sich stritten, die Bomben aufeinander warfen, die mit komischen Hüten von hohen Kanzeln predigten. Mir wurde der Papst gezeigt, der immer Recht hätte. Dann erzählte mir der Pfarrer, dass das nur auf Gott zuträfe. Und ich wunderte mich.

Ich wurde vor gefährlichen Menschen gewarnt. Es war die Zeit der RAF. An jeder Polizeiwache hing ein Poster mit schlecht fotografierten Gesichtern von Menschen, vor denen wir alle Angst haben müssten. Ich fragte mich damals, warum nicht einfach bessere Bilder gemacht wurden. Dann hätte man die Terroristen doch viel besser erkennen können.

Wir hatten damals kein Auto. Die Urlaube im Harz sowie an Nord- und Ostsee waren damals für mich Weltreisen. Es gab keinen Unterschied für mich, ob ich in einen Freizeitpark oder in einen Wald fuhr. Beides erschien mir wie eine künstlich, nur zu Unterhaltungszwecken geschaffene Welt. Diese Welt war nicht die Meine. Sie schien einfach nicht real zu sein.

Ich lernte die Grenzen meiner Welt. Die Grenzen waren sehr eng gezogen. Ab und an zogen ein paar flüchtige Eindrücke an mir vorbei, dass es Fluchtwege aus dieser Realität gab. Ich hörte von Schüleraustausch. Von AuPairs, vom Ausland, von anderen Städten. Und erntete Unverständnis, ,dass mich die Außenwelt anzog. Was will ich im Ausland? Ich habe doch meine Umgebung. Mit Menschen, die ich kenne, die mich nicht überraschen. Die keine Fremde Sprache sprechen. Eben nicht "Die".

Dann hatte ich es irgendwann geschafft. Als Teenager durfte ich endlich zu einer Gastfamilie nach England. Ich war das erste Mal allein außerhalb meiner gewohnten Umgebung, außerhalb der gewohnten Menschen. Dort merkte ich doch, dass es - so froh ich doch über die neuen Eindrücke war - erst einmal eines Zurechtfindens bedurfte. Diese Welt war so echt wie mein Zuhause, aber doch war vieles anders.

Einige Jahre später rauschte ich mitten in eine andere Filterbubble. Ich sah in einem Geschäft ein Einrad. Und kaufte es. Ich fand eine Gruppe, die sich zum Einradfahren, Jonglieren und einfach so in einem Park traf. Dort konnte man sich auf der Wiese niederlassen, Bier und Cola im angrenzenden Pub kaufen, und einfach die Sommerabende draußen verbringen. Es war eine unbeschwerte Zeit, in der ich gerade meine Banklehre anfing, wie meine alte Filterbubble es von mir erwartete. Dort wurde ich auch gewarnt: vor "denen". "Die" das waren komische Menschen, die es zu nichts brachten. Die Kunst und das freie Leben bevorzugten. Die teilweise keine ordentlichen Jobs hatten. Die auch auf Universitäten gingen, anstatt sich nach der Schule dem Ernst des Lebens stellten, und so für ihr eigenes Einkommen sorgten. "Die" waren Menschen, mit denen ich mich nicht abgeben sollte, die komische Ideen in meinen Kopf setzen könnten, mich von meinem geradlinigen Weg abbringen würden. "Die" würden in einer anderen Welt leben, in die ich nicht hineingehörte. "Die" würden komische Zigaretten rauchen, und unordentliche Musik hören.

Nun machte ich weiter meine Lehre, versuchte, nicht zu offensiv zu träumen, und traf mich fast jeden Abend mit "denen" im Park.

Eine ganze Zeit lief es gut. Der Park war weit weg. Bis ich irgendwann mal noch schnell zum Supermarkt musste. Mit dem Einrad ging es schneller. Am nächsten Morgen wurde ich direkt angesprochen. Ich wurde beim Einradfahren in der Öffentlichkeit gesehen. Die Missbilligung entging mir auch nicht.

Diese Missbilligung fiel mir noch so oft danach auf. Ich war es gewohnt, einen Teil meines Lebens in einer anderen Welt zuzubringen. Eine Welt, die ihre eigenen Gedanken entwickelte, die ihre eigenen Grenzen zog. Ich verlor mein Verständnis, dass Andere diese Welten als Bedrohung empfanden. Die Logik, dass je mehr Menschen die eigenen Regeln akzeptieren, desto einfacher es für mich wäre, diese Welt zu verstehen, und nie verlassen zu müssen, wirkte so bestechend einfach wie falsch.

Aber nun verstand ich erst einmal, wie unwirklich diese anderen Realitäten auf Menschen wirkten, die ihre eigene noch nie verlassen hatten. Ich verstand die Energie, die Menschen darauf aufwandten, ihre Welt zu schützen, einzuzäunen, zu verteidigen. Das Bedürfnis, die Macht über Andere aufzubauen, dass Niemand jemals die Macht besäße, die um uns herum gezogenen Mauern einzureißen.

Es gibt hiervon ein Extrem. Es gibt Menschen, die nicht mehr in der Lage sind, ihr eigenes Haus, ihre Wohnung zu verlassen, weil die Umgebung ihnen fremd und feindlich erscheint. Menschen, die die Grenzen ihrer eigenen Welt so eng gezogen haben, dass das Gefängnis, das sie sich selbst erschaffen haben offensichtlich wird.

Und das wünsche ich mir für das kommende Jahr und für die ganze Zeit danach: Ich will die Grenzen der Welt, in der ich zu Hause bin weiter vergrößern. Ich will mir neue Orte schaffen, an denen ich mich wohl fühle, an denen ich mich auskenne; an denen ich auf interessante Menschen treffe, von denen ich lernen kann. Und ich wünsche mir Menschen, die dort mit mir mit offenen Augen hingehen. Ich will keine Angst vor "Denen" haben müssen, die doch eigentlich "Wir" sind.

 

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