Soap Science

Als Kind der 80er bin ich mit der Sendung mit der Maus und Kopf um Kopf aufgewachsen. Anders als später in der Knoff-Hoff-Show (eine unerträgliche Verwurstung des durchaus im Deutschen geläufigen Begriffes "Know-How"), wurden dort noch die Zusammenhänge und Ursachen erklärt.

Und hier findet sich auch schon das, was mich in der heutigen, immer aggressiver werdenden Debatte zwischen Fakenews, Wissenschaftskritikern, Impfgegnern und Chemtrailgläubigen so stört.

Du bist kein Physiker (also nicht beruflich)? Auch kein Elektriker oder Ingenieur? Dann brauchst Du auch nicht wissen, woher das Licht kommt. Hauptsache, Du weißt, wo der Schalter ist. Am geläufigsten ist uns dieser Effekt noch über der Diskussion über das Wetter: Jeder redet mit, es gilt als verpönt zu wissen, wie die Zusammenhänge überhaupt funktionieren. "Ist es nicht schlimm, dass es jetzt im Januar schon wieder so kalt ist? Es könnte ja ruhig mal 15°C werden. Im Januar." Nein, das ist nicht normal. Für einen Januar ist das brüllwarm. Ich amüsiere mich ja auch immer ein wenig darüber, wie ausdauernd da der Kachelmann immer mit kleinen Rants versucht, ein wenig Hintergrundwissen in die Leute zu bekommen.

Heute lacht jeder über die dummen Kinder, die nicht mehr wissen, wo die Milch herkommt (außer aus dem Tetrapack im Supermarkt). Aber wer erkärt es ihnen?

Maximal noch ein demotivierter Lehrer, der mit zu wenig Unterrichtsstunden trockenes Wissen in Schüler quälen muss.

Deswegen freue ich mich über jedes Format wie den Podcast Methodisch Inkorrekt, in dem wissenschaftliche Paper (zwar eher die skurrilen) erklärt werden. Viel Unterhaltungsfaktor, aber der Ansatz, das Ganze zu verstehen, fehlt halt nicht. Oder Hoaxilla, die mit Gerüchten und Sagen aufräumen.

Ich mag danach kein Experte sein, aber es macht mehr Spaß herauszufinden, warum Dinge sind, wie sie sind. Als ich das erste mal bei Werftarbeiten an der Alexander von Humboldt I (mittlerweile aus Altersgründen ersetzt durch die Alex2 https://alex-2.de/) eine Opferanode entdeckt habe, und mir jemand erklärt hat, wozu das Ding gut ist, schwante mir zum ersten Mal, das das ganze Physikzeug, was mich in der Schule so wenig interessiert hat, ja doch einen Effekt im echten Leben hat.

Oder die 3 Abiturienten (Schwerpunkt Mathe), die plötzlich den Sinn der ganzen Formeln erkannten, als wir eine Wache (4 Stunden) ohne moderne Hilfsmittel navigieren mussten. Nur der Steuermann hatte Blick auf Radar, Positionen anderer Schiffe etc. - aber er griff nicht ein, solange wir an Deck keinen Bockmist hinlegten.

Wir bekamen die Seekarte, einen Sextanten (dieses Instrument, mit dem man die Höhe der Sonne misst, und zusammen mit der Uhrzeit anhand von Tabellen seine Position errechnen kann. Hinweis: den Sonnenstand messen, während der Boden unter den Füßen schwankt, der Horizont wackelt, und die Sonne durch die Spiegelung im Instrument gegenläufig zum Horizont schaukelt. Kotzgarantie für Seekrankheitsgefährdete.

Wir bekamen eine Seekarte und mussten dort die Erdkrümmung herausrechnen. Auf einer Flachen Karte ist geradeaus nämlich nicht einfach geradeaus. Die Längen- und Breitengrade, die dort gebogen dargestellt sind, sind ja eigentlich das, was schnurgerade ist.

Im Endeffekt waren wir recht gut, haben den Sextanten zu dritt benutzt und einen Mittelwert gebildet und so mit erstaunlich geringer Abweichung in Richtung der schottischen Küste gesegelt.

Und eben weil es nicht mehr modern ist, immer mehr Dinge auch zu ergründen, wenn das nicht zu meinem Beruf gehört, sondern einfach, weil ich neugierig bin, wünsche ich mir mehr Unterhaltung, die mich nicht unterfordert, sondern auch mal zu kompliziert ist. Die ich hinterfragen oder recherchieren muss.

Ich rege mich darüber auf, dass so viele spannende Dinge medial nur noch so aufbereitet werden, dass sie einen hübschen Unterhaltungseffekt darbieten - aber danach getrost vergessen werden können. Es ist bunt, und macht Puff. Ja. Das trifft auf vieles zu. Blitzwatte gibt es schon genug.

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